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Jose´der Medizinmann der Embera

Sein „Kosmetikbaum“

Panama/ Kolumbien 2014

„Du scheinst ja ganz schön sauer zu sein“. Gemeint war die ungefähr kinderfaust grosse Tarantel die mich gerade böse mit Drohgebärden von ihrem Erdloch fernzuhalten versucht. Dabei hatte ich sie eher unbeabsichtigt gestört als ich den schmalen mit dichten Blättern bedeckten Trampelpfad im Regenwald des Rio Chagres entlang stöberte. Eigentlich wollte ich die Erdlöcher von Agutis erkunden. Diese meerschweinchenartigen Nager, die für mich eher wie große Ratten aussehen gelten hier als schmackhaft und wären eine schöne Bereicherung des Speisezettels. Allerdings, so hatte mich Jose´der Medizinmann der Embera und gleichzeitig mein Gastgeber gewarnt, werden die Erdlöcher der Agutis auch gerne von Lanzenottern, Buschmeistern und anderen Giftschlangen bewohnt. Nimm also besser einen langen Stock mit, wenn du dich im Regenwald bewegst. Ja, das mit dem Stock war schon ok, damit hatte ich die Tarantel dann auch gestört. Aber ich werde Jose´wohl nichts von meiner Begegnung berichten. Heute morgen, als ich mich einem menschlichen Bedürfnis folgend die palmgedeckte Pfahlhütte verliess schlängelte sich keine 3 Meter von mir entfernt eine ca. 1,3 metergrosse Boa durch die Siedlung am Oberlauf des Chagres. Später erzählte ich es Jose´, aber der zuckte nur mit den Schultern, als wolle er sagen.“ laufen bei euch keine Tiere durchs Dorf“. Ok! Schon verstanden, hab´ zwar aber bisher „wenige“ Boas in Eckernförde entdeckt. Für ihn war es aber ein normaler Vorgang. Im Verlauf meiner mehrwöchigen Reise durch verschiedene Landesteile Panamas erhielt ich die Gelegenheit, die im nördlichen Teil Panamas lebenden Wounaan Embera zu besuchen. Dass ich bei Jose´wohnen durfte war deshalb schon aufregend für mich, da ich schon durch meine Heilpraktiker Ausbildung der Naturmedizin grosses Interesse entgegenbrachte. Die Anreise mit dem Panga ( einem etwa 5 Meter langen offenen Fischerboot) gestaltete sich wegen des in diesem Jahr extrem niedrigen Wasserstandes des Rio Chagres als schwierig und wir mussten auf halber Strecke in einen Außenborder betriebenen Einbaum sog. Piragua wechseln, der für die flachen Passagen besser geeignet war. In der Siedlung angekommen, nach einem zurückhaltend neugierigen aber dennoch freundlichen „Meera Dyaba“ was soviel wie Hallo Freund bedeutet wurde frittierter Tilapia gereicht, ein Süßwasserfisch aus dem Rio Chagres und dazu ebenfalls in Öl frittierte Bananenscheiben sog. Patacones auf Bananenblättern angerichtet. Danach bekam ich von Jose´s Frau einen Becher mit einem Getränk gereicht. Etwas in mir sagte, nun geht’s los, hatte ich doch schon viel über jenes berühmt, berüchtigte Getränk Namens Chicha gehört, bei dem zur Herstellung aus Maismehl gebratene Fladen zerkaut und mit Speichel durchtränkt in ein Gefäss gespuckt eine Tage Gären dürfen. Nach dem Gärungsprozess ist dann dieser Verzeihung „R…zz“ aller an der Herstellung beteiligten Dorfbewohner ein berauschendes Getränk. Ich glaube, jeder in der Pfahlhütte hat mir meine Gedanken angesehen und insgeheim meine Qualen genossen. Um es abzukürzen, es war Gott sei dank nur Palmwein. Na´ja und der schmeckte nicht übel. A´propos Übel!

Dagegen hätte dann Jose´ als Medizinmann auch ein Heilmittel gehabt. In den nächsten Tagen streiften wir viel durch „seinen Garten“, wie er den Regenwald nannte. Er zeigte mir Pflanzen wie die „Hand Gottes“, eine Palmart die nach kurzer Vorbehandlung mit Wasser übergossen wird und dann mehrmals am Tag gegen Übelkeit und allerlei Verstimmungen getrunken wird. Oder sein Kosmetikbaum wie er ihn nannte. Der Baum hat ein ganz weiche Rinde, die sich cremig anfühlt und die auch zum eincremen der Haut benutzt wird. Jose´erzählte mir, dass die kleinen Babys nach dem Waschen mit dem Öl des Baumes übergossen werden und sie deswegen später keine Körperbehaarung bekämen. Zugegeben, klingt etwas eigenartig, aber da ich kein Wissenschaftler bin und von daher nicht sagen kann, ob der Haarwuchs genetisch bedingt oder nur dieser speziellen Kosmetik zuzuschreiben ist, nehm´ich einfach so hin. Später, als gegen 16:00 Uhr der alltägliche Regenguss einsetzte, konnte ich mich von der Wirkung des Baumsaftes überzeugen. Während ich, bis auf die Haut durchnässt durch den Dschungel stampfte, lief mein barfüssiger Freund Jose´ vor mir und ich konnte bei jedem Schritt beobachten, wie jeder Regentropfen förmlich von ihm abperlte. Vieles hat er mir gezeigt, von welcher Stachelpalme man die Pfeile für die Blasrohre herstellt, welche Pflanzen man für das Pfeilgift verwenden kann. Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube, die Pfeilgifte der Indianer würden sämtlich aus dem Hautsekret sog. Pfeilgiftfrösche stammen. Er zeigte mir, wie man Lianen Unterscheidet, die Trinkwasser enthalten und andere die nur als Schnüre, Leinen benutzt werden, aus welchem Baum man die Einbaumkanus herstellt. Diese Bäume und auch andere Edelhölzer sind es u.a. auch, weswegen der Lebensraum der Embera gefährdet ist. Illegale Baumwilderer und Goldsucher, ja auch Minengesellschaften auf der Suche nach neuen Gebieten und nicht zuletzt Rebellen besonders im Grenzgebiet Darien zu Kolumbien haben immer wieder kurzen Prozess gemacht, wenn sie bei ihren Unternehmungen auf Indios gestossen sind. In den letzten Jahren hat sich die Situation der Embera Wounaan durch die Schaffung von autonomen indigenen Territorien etwas gebessert. Aber noch vor einigen Jahren, erzählte mir Jose´war es so, dass er jedes Jahr durch derlei Vorfälle Mitglieder seines Volkes und auch Familienmitglieder verlor. Dennoch sei es für ihn unvorstellbar aus dem Wald wegzugehen, indem schon seine Vorfahren lebten und im 16. Jh die Gold, Silber und Sklaventransporte der Spanier argwöhnisch beobachteten. In der Nähe, was auch immer Nähe oder Distanzen im Regenwald bedeuten, führten früher zwei berüchtigte Handelspfade der sog. El Camino Real und der Camino de Cruces durch den Lebensraum der Embera.

Jose´s Großvater kam in den 1960 er Jahren zu militärischen Ehren. Die Embera , zu dieser Zeit der Öffentlichkeit noch unbekannt, bekamen Besuch von der NASA, besser gesagt, die Amerikaner schickten ihre Astronauten zum Dschungelüberlebenstraining in den Regenwald nach Panama. Man wollte die Astronauten auf alle Eventualitäten vorbereiten, die Ihnen in den Weiten des Weltalls passieren können. Und dazu schickte man sie auch für einige Zeit zur Survivalausbildung in den Dschungel. Einer der damaligen Indio Scouts bzw. Lehrer war Jose´s Großvater. Jose´ zeigte mir ein altes vergilbtes Schwarzweißfoto, auf dem sein Vater als Junge und sein Großvater zusammen mit einer Gruppe damaliger Astronautenanwärter zu sehen war. Wer weiß, vielleicht hatte er sogar selbst Neil Armstrong der ca.6 Jahre später als 1. Mensch den Mond betrat, ausgebildet. Zwei der jungen uniformierten Männer auf dem Foto hätten schon Armstrong und Glenn sein können.

Aber ich entdeckte noch mehr in dem ca. 4×4 m großen Palmgedeckten Pfahlhaus. Ein Utensil macht mich nachdenklich. Inmitten seines ganzen Sammelsuriums stand eine Plastikflasche wie wir sie hier bei uns auch für Fertigsalate benutzen. Ehemals weißlich milchiger Inhalt, inzwischen angegraut, dachte ich und wollte gerade die Flasche in die Hand nehmen um Jose´zu fragen, was er den hier für ein geheimnisvolles Gebräu zusammengemixt hatte. „Omega tres e mucho bueno“ donnerte es da bereits neben mir und ich dachte, was ist nun passiert. Jose´total begeistert , flippte förmlich aus vor Begeisterung. Er der Medizinmann der Embera preist salbungsvoll eine stinknormale Fertigsalatsoße an, die er, wie es sich herausstellte vor 2 Jahren von seinen Kindern geschenkt bekam, als diese in den Schulferien von der Missionsschule zu ihren Eltern zurückkehrten. Da steht neben mir ein gestandener Mann der in seinem Volk einen Namen als Medizinkundiger hat und schwört auf eine verzuckerte Salatsoße mit Omega 3 Fettsäure, weil die angeblich gut fürs Herz sie, wie er mir immer wieder beschwörend wiederholte und sich dabei begeistert mit der Faust in die Herzgegend klatschte. Will er mich verarschen, „Versteckte Kamera“ und so?, ich wusste im Moment nicht, was ich sagen sollte. Da beklagt sich dieser Mann einerseits darüber wie sehr doch die Schulen, ihre Kinder dem Volk entfremden würden und diese dann später lieber außerhalb des Regenwaldes in den Städten ihr Glück versuchen wollten. Und gleichzeitig preist er mit den markigen Sprüchen eines US Teleshopping Moderators eine Salatsoße an, die sich im Übrigen inzwischen auch aufgrund der mehrjährigen Lagerung im schwühlheißen Regenwaldklima sich derart in Farbe und Konsistenz verändert hat, dass sie, wer weiß, vielleicht inzwischen wirklich ein neues medizinisches Stadium erreicht hat.? Dann bedürfe es nur noch eines zündenden Werbespruches und wir würden das Gebräu als sog. Wundermedizin bei uns vermarkten. Es würde mich nicht wundern, würde ich in seinem Sammelsurium plötzlich auch noch ein Glas Nutella entdecken???

Der Abschied Tags darauf fiel mir nicht leicht, die Ansiedlung hatte extra sich in Schale geworfen. Die Freunde trugen ihre traditionelle Kleidung ( im Alltag tragen sie mittlerweile auch T-Shirts und „manchmal“ auch Shorts und Flipp Flopps. Nun trugen die Frauen die aus Naturfasern hergestellten und mit natürlichen Materialien gefärbten Parumas um die Hüften, in den Haaren aus Bambus geflochtene Kränze in die sie Blüten gesteckt hatten. Die Männer trugen den Lendenschurz den sog. Guayuco. Teils trugen sie noch traditionelle Bemahlungen. Für diese Tattoos werden die Nüsse der Jagua Frucht zerstoßen und zu Farbpulver verrieben. Die aufgemalten Muster halten teilweise über mehrere Wochen. Der Abschied mit dem Tanz des Fisches ( sie wussten, wie begeistert ich vom Fischen mit ihnen war) mit Flöten und Trommelspiel und viel gewinke lies mich nachdenklich werden. Würde ich diese Menschen vielleicht in einigen Jahren noch so vorfinden, oder gäbe es dann mehr Salatfertigsoßen in der Siedlung oder wären sie vielleicht wie bereits einige ihres Volkes als Museumsdorfmitarbeiter angestellt, mit tragbarem Fernseher unter der Pfahlhütte, der dann, sofort nachdem das letzte Touristenboot verschwunden ist, wieder seinen Platz am Essplatz der Familie fände.

Ach ja´ denke ich beim wegfahren, genieße lieber das Spiel des grünen Papageienpaares dort oben auf dem Ast und freu´dich über das nahe gekläffe der Brüllaffen. Was hatte Jose´nochmal gesagt, als ich ihn auf die friedvolle Ruhe seiner kleinen Siedlung im Regenwald ansprach: „Das Leben geht hier langsam, wie eine Schildkröte und Schildkröten werden sehr alt“

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