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Wenn die Gondeln Masken tragen…….

Carnivale di Venezia 2012

Es ist 6 Uhr morgens in Venedig. Ich nutze die frühen Morgenstunden, um Venedig ohne die spätestens in 2 Stunden heran wogenden Menschenmassen der Eintagskarnevalisten zu erleben. Etwas unheimlich erscheinen die leeren dunklen Gassen. Die Februarluft ist feucht und diesig, der Morgennebel verzieht sich zeitweise und gibt dann schemenhaft die alten Gemäuer frei. Die Stimmung erinnert an den Film „ Wenn die Gondeln Trauer tragen“.

Doch Trauer tragen die Gondeln nicht in diesen ersten Februartagen. Sie tragen Masken. Karnevalsmasken. Venedigs „Tolle Tage“ sind angebrochen Carnevale a´ Venezia. Venedig gehört in diesen Tagen nicht mehr den Venezianern. Hunderttausende Besucher reisen aus der ganzen Welt an, drängen und schieben sich täglich stadteinwärts, um dieses Riesenspektakel mit zu erleben. Die über 400 Brücken Venedigs, einstmals breit und ausladend gebaut, um Pferden und anderen Lasttieren die Warenschlepperei in die Stadt zu erleichtern, ächzen unter der Last der Besucher.

Casanova rempelt mich an, murmelt ein hastiges „scusi“ ( Entschuldigung) und ist bereits wieder in der Menge untergetaucht. Fraglich, ob den echte Casanova sich hier und heute noch zu erkennen geben würde. Könnte er heutzutage den Karnevalsrummel miterleben, würde er sich vielleicht als Pierrot verkleidet unter das Volk mischen. Seine jugendlich männlichen Nachfahren jedoch, als Casanova Doubles verkleidet bemühen sich weiterhin in südländischer Ausgelassenheit um die Gunst des weiblichen Geschlechtes. Um zum Zentrum des Spektakels, der Piazza di san Marco, zu gelangen, genügt es, die Augen zu schließen , die Arme auszustrecken und man gelangt, vielleicht eingehakt zwischen Colombina und Arlekino, sempre diritto ( immer geradeaus) ans Ziel.

Der Markusplatz ist heute „Taubenleer“. Verstört stehen einige der sonst von Touristen dick und rund gefütterten Vögel mit dem „Mors an der Wand“ und schauen verwundert auf die buntgefiederten zweibeinigen Paradiesvögel. Besucher, still staunend oder von der Stimmung infiziert, gruppieren sich um die Masken oder verschmelzen mit ihnen in gemeinsamen schauspielerischen Stehgreif Darstellungen.

Wer jedoch meint, hier einen Karneval Kölner Jeckenart oder gar a´la Rio vorzufinden, der irrt. Phantasiekostüme, Exotik und Bonbonwerfen sind hier weniger angesagt als in Brasilien, Mainz oder Teneriffa. Es dominieren die klassischen Kostüme, die Tabarros, Voltos und Bautas oder die Figuren der Commedia de´ll arte: Pasquale, Scarramuccia, Casandro, Pulcinella oder Pantalone. Il Dottore, der Pestarzt, charakterisiert durch die zweckbestimmte schwarze Kleidung, welch nur die Augen freilässt, durch die Maske mit der übermäßigen, mit Watte gefüllten Nase, die ursprünglich nur dem Zweck diente, Ansteckungen über die Atemwege zu vermeiden.

Entlang der Riva degli Schiavoni, vorbei an der Ponte die Sospiri ( Seufzerbrücke) flanieren ganze Familien in historischen Kostümen. Gondeln legen an und es entsteigen, etwas unbeholfen wegen der Reifröcke, elegante Damen mit ihren Kavalieren zum „Sehen und gesehen werden“. Doch zu Vorsicht sei allen unwissenden Casanovas geraten. Einem alten Karnevalsbrauch folgend sind die Damen manchmal nur verkleidete Herren-Damen. Abseits auf einer Mauer der Uferpromenade sitzen Colombina und Pantalone, blinzeln in die Frühlingssonne und picknicken, sich des Stilbruches nicht bewußt, Hamburger und Cafe´to go.

Der Ursprung des heutigen venezianischen Karnevals liegt im Mittelalter. Damals waren die Venezianer die großen „Fastnachter“ Europas. Entstanden aus den sog. Saturnalien, den Jahreswendefeiern der Spätantike, entwickelte sich der Karneval in Venedig zum prunkvollen Ereignis; und seit der Renaissance war die Maske als das zweite Gesicht der Venezianer überall bekannt. Auch die Kirche spielte( wie so oft) ihre wechselhafte Rolle. Von öffentlichen Maskierungsverboten bis ausschweifenden Klosterpartys war alles vertreten. Kirchen wurden zu Wirtshäusern und Theatern umgewandelt, niemand empfand es als Gotteslästerung wenn sich dabei das Kirchenvolk den zweifelhaftesten Vergnügungen hingab. Wußten sie doch, dass si nach dem Karneval die 40 Tage andauernde Fastenzeit mit all ihren physischen Entbehrungen erwartete.

Den Namen Karneval leiten von daher auch einige aus Carne ( Fleisch) und Vale ( addio), d.h.

Abschied vom Fleisch, ab. Der heutige Karneval wurde nach fast 200 Jahren um 1970 von Fremdenverkehrsfachleuten und Hotelliers zur Überbrückung der toten Touristenmonate aus dem „Dornröschenschlaf“ erweckt, teilweise gesponsert von großen Kafferöstern, Fastfoodketten und bunten Strickmodehäusern. Sicherlich ist „Carnevale a Venezia“ heute nicht mehr das fest der großen Illusionen, der anonymen Erotik und der Ausschweifungen. Aber es ist das Disneyland Venedigs, wie es einmal von einem ehemaligen Kulturreferenten der Stadt betitelt wurde. Carnevale a Venezia ist immer noch das, was der einzelne daraus macht. Und wenn der Funke überspringt, warum sollte dann nicht auch Mickey Mouse mit Colombina vor dem Campanile ein Menuett tanzen.

Wer schon einige Tage vor dem Spektakel anreist, hat noch die Chance, Venedig ohne Hetze und Gedränge zu erleben. Der Besucher besteigt vielleicht ein Vaporetto (Linienschiff), besucht die Laguneninseln Venedigs, oder besucht die Glasbläser auf Murano oder Torcello. Er erlebt auf Burano die Kinder, die in den von bunten Häusern umsäumten Gassen ihren eigenen Karneval erspielen. Oder er genießt die ersten Frühlingssonnenstrahlen in einem gemütlichen Lokal am Canale Grande, vielleicht bei einer Fegata a la Veneziana ( Kalbsleber mit süßen geschmorten Zwiebeln).

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